Haben diese Politiker denn keine Berater? Diesen Stoßseufzer hört man oft, wenn es in der Regierung drunter und drüber geht und unsere Volksvertreter sich auf eine für uns nicht nachvollziehbare Weise verhalten. Doch, natürlich haben sie Berater, jede Menge sogar. Aber diese sind Fach- und keine Verhaltensexperten. Und sie sind interessiert daran, ihren Job zu behalten. Entsprechend vorsichtig muss ihr Ratschlag ausfallen.
Ein Coach macht genau das Gegenteil: Er versucht, sich überflüssig zu machen. Der Erfolg eines Coachings besteht darin, dass der Klient sein Problem gelöst hat und in der Lage ist, auf eine Weise zu handeln, die ihm und seinem Anliegen zuträglich ist. Ein Coach kann es sich leisten, kritisch zu sein. Im schlimmsten Fall verliert er einen Auftrag, nie seinen Job.
Führungspersönlichkeiten haben alle das gleiche Problem: Sie sind umgeben von Menschen, die ihnen meist nicht die Wahrheit sagen. Weil sie sich nicht unbeliebt machen wollen. Weil sie keinen Konflikt verursachen wollen. Weil sie sich um ihre weitere Karriere sorgen. So bekommen Menschen in exponierten Positionen leicht das Gefühl, sie seien unfehlbar und könnten sich alles erlauben. Das extremste Beispiel hierfür ist sicher Donald Trump. Aber auch einige unserer führenden Politiker haben sich in den letzten Monaten auf eine Weise präsentiert, die Zweifel an ihrer Realitätseinschätzung aufkommen lassen.
Es ist nützlich, das eigentliche Bedürfnis hinter dem Verhalten eines Menschen herauszufinden. Nehmen wir exemplarisch Angela Merkel, Horst Seehofer und Markus Söder. Merkel will scheinbar um jeden Preis Kanzlerin bleiben – in Wahrheit kämpft sie um die Deutungshoheit über ihr Vermächtnis. Seehofers Provokationen sollen uns demonstrieren, wie fest er im Sattel sitzt – dahinter steht eine panische Angst vor dem Bedeutungsverlust. Bei Söder sind inneres und äußeres Ziel kongruent – es geht ihm ausschließlich um die Macht. Bei den zwei Herren spielt obendrein ein verbissener Kampf rivalisierender Alphamännchen eine Rolle.
Alle drei sind so verstrickt in ihre selbst verursachten Konflikte, dass sie zeitweise ihre Urteilsfähigkeit einbüßen und Entscheidungen treffen, mit denen sie sich, ihren Zielen und vor allem unserem Land schaden. Seehofers absurder Asylstreit mit Merkel, Söders Ranschmeiße an die AfD mitsamt unglaubwürdiger Kehrtwende, die Beförderung Hans-Georg Maaßens durch Merkel – alles Entscheidungen, die bei nüchterner Betrachtung nicht hätten fallen dürfen. Und wieder hört man es seufzen: Haben diese Politiker denn keine Berater?
Die richtige Frage lautet: Haben diese Politiker denn keine Coaches?
Ein guter Coach würde mit diesen Klienten herausarbeiten, worum es ihnen wirklich geht. Er würde ihnen zu interessanten Perspektivwechseln verhelfen, und zu der Einsicht, wo sie in die Irre rennen. Er würde ihnen dabei helfen, alternative Wege zu ihrem Ziel zu finden – ohne Kollateralschäden, wie wir Bürger sie in letzter Zeit zunehmend fassungslos betrachten dürfen.
Das Problem ist: Diejenigen, die Coaching am dringendsten nötig hätten, sind die, die es am seltensten in Anspruch nehmen. Schade für sie – und für uns alle.