Öffentlichkeit kann Leben retten. So wie im Fall des 18jährigen saudi-arabischen Mädchens Rahaf Mohammed al-Qunun, die vor den Schikanen und Todesdrohungen ihres Familienclans floh und ihr Schicksal über Twitter weltweit bekannt machte. Oder im Fall von Liu Xia, der Witwe des als Dissidenten geltenden chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, die acht Jahre unter Hausarrest stand und auf Druck internationaler Organisationen letztes Jahr endlich freikam.

Öffentlichkeit kann aber auch Leben zerstören, wie z.B. der Fall von Jörg Kachelmann zeigt, der Jahre nach dem juristischen Freispruch noch immer um seine persönliche Reputation kämpft. Oder wie es geschieht, wenn jemand in die Fänge der Boulevardpresse gerät oder durch Cybermobbing in die Verzweiflung (und im äußersten Fall zum Suizid) getrieben wird.

Ich kann nur staunen, welche Heilserwartung viele Menschen in „die Öffentlichkeit“ setzen. Immer wieder erhalte ich Mails von betrogenen Ehefrauen, die mich bitten, dass ich ihre Geschichte aufschreibe und der Öffentlichkeit zugänglich mache. Wenn ich frage, was sie sich davon versprechen, äußern sie immer dieselben Motive: Rache. Und das dringende Bedürfnis, endlich gehört zu werden. Der Welt mitzuteilen, wie es sich wirklich zugetragen hat, wie groß ihr Schmerz ist und wie ungerecht das Leid, das ihnen zugefügt wurde.

Abgesehen davon, dass diese Geschichten sich auf deprimierende Weise ähneln und – anders als die Betroffenen es erleben – kein bisschen exklusiv sind, beruhen diese Heilserwartungen auf einem großen Irrtum. Kein Trennungsschmerz wird kleiner, wenn man ihn zwischen Buchdeckel presst oder bei Facebook hinausposaunt. Kein Ehepartner kommt zurück, weil er öffentlich angefleht oder  schlecht gemacht wird. Mit dieser Seifenoper des eigenen Elends liefert man nur Futter für eine lüsterne Leserschaft, die genüsslich verfolgt, wie jemand sich öffentlich selbst demütigt.

Die Selbstentblößung generiert zunächst scheinbare Anteilnahme, in Form von Zuschriften oder Kommentaren, die emphatisch klingen und vielleicht sogar gut gemeint sind. Das bestätigt die Illusion von der heilenden Wirkung der Öffentlichkeit. In Wirklichkeit bedeuten diese Reaktionen nichts. Im nächsten Moment verliert sich das öffentliche Interesse, und die Community treibt eine andere Sau durchs Dorf.

Überhaupt, Facebook. Täglich wundere ich mich darüber, dass Menschen das Bedürfnis haben, ihre intimsten und traumatischsten Erfahrungen zu veröffentlichen. Sei es eine Trennung, der Tod eines nahen Angehörigen oder Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in der Familie – es gibt nichts, worüber auf Facebook nicht – manchmal in quälender Ausführlichkeit – geschrieben wird. Ich verurteile das nicht, ich halte es nur für den falschen Weg, mit solchen Erfahrungen umzugehen.

Menschen in Lebenskrisen brauchen keine voyeuristische (aber letztlich gleichgültige) Öffentlichkeit, sie brauchen genau das Gegenteil: Einen geschützten Raum. Das kann die Praxis eines Therapeuten sein, eines Mediators oder eines Coaches. Dort erfahren sie echte Empathie. Dort können sie über ihren Schmerz sprechen, ohne dass andere sich daran delektieren. Dort können sie Strategien des Umgangs mit der Krise erlernen und im besten Fall irgendwann Frieden schließen – mit ihrem Schicksal, dem Gegner oder mit sich selbst.